Amazon kommt nach Holland

Amazon hat neulich den vollständigen Einstieg in den niederländischen E-Commerce-Markt angekündigt. Es wird im ersten Quartal 2020 stattfinden. Bis heute müssen niederländische Online-Verbraucher die Zugang zum kompletten Angebot haben möchten auf Amazon.de gehen, das auf Niederländisch verfügbar ist und wo man mit iDeal bezahlen kann. Derzeit verkauft Amazon.nl nur E-Books und Kindle-E-Reader. Die Produktpalette bei Amazon.nl wird nun um Millionen von Produkten in 20 Produktsegmenten, einschließlich Bekleidung, erweitert. Sowohl niederländische als auch internationale Einzelhändler sind nun eingeladen, sich als Reseller auf der Amazon-Plattform in den Niederlanden zu registrieren.

Die Expansion in den Niederlanden wird laut Amazon schrittweise erfolgen. Die Auslieferung läuft über Lägern außerhalb der Niederlanden, sowie Mönchengladbach in Deutschland, das sehr nahe an der niederländischen Grenze liegt. Wahrscheinlich werden zukünftig auch in Holland Läger erröffnet werden, schon alleine um zu vermeiden, dass niederländische Wiederverkäufer die Fulfillment By Amazon (FBA) benutzen, Ware nach Deutschland exportieren müssen.

Bereits heute können über eine Million Produkte auf Amazon.de bis Mitternacht bestellt werden, um am nächsten Tag in die Niederlande geliefert zu werden. „Nirgendwo auf der Welt bieten wir solche Annahmeschlusszeiten für Lieferungen am nächsten Tag an“, wurde Amazon-Sprecher Alex Ootes auf Emerce.nl zitiert.

Dies deutet darauf hin, dass die Strategie von Amazon für den niederländischen Markt auf einer schnellen Lieferung basieren wird, die auf dem niederländischen Markt von großer Bedeutung ist, neben besseren Preisen (aufgrund Amazons Einkaufkraft) und einem enormen Sortiment. Mit einem vollständigen Webshop wird Amazon Prime auch für niederländische Verbraucher automatisch attraktiver.

Momentan wird der niederländische E-Commerce-Markt von Bol.com und Coolblue dominiert, mit € 2,1 Mrd. bzw. € 1,0 Mrd. Umsatz im Jahr 2018. Bereits jetzt ist Amazon mit geschätzten niederländischen Einnahmen von € 350 Mio. die # 6 auf dem Online-Markt (Teil davon sind wahrscheinlich Cross-Border Umsätze von Amazon.de). Laut Thuiswinkel.org, dem niederländischen Handelsverband für digitalen Handel, belief sich der gesamte online Umsatz mit Produkten in Holland  im Jahr 2018 auf € 13,1 Mrd.

Die Ankündigung von Amazon hat zu umfassenden Diskussionen über die Auswirkungen auf dem online und  offline Marktumfeld in den Niederlanden geführt. Markteintritte von Amazon in anderen Ländern haben gezeigt, dass der Wettbewerb weggeblasen oder marginalisiert wird. Laut mehrere E-Commerce-Experten war dies aber nur möglich, weil in diesen Märkten der Konkurrenzumfeld sehr schwach war. Für Deutschland, mit etablierten Spielern wie Otto und einer starken Versandhandelstradition, klingt dies jedoch kaum plausibel.

Ein Einzelhandelsexperte der Rabobank schätzt, dass Amazon innerhalb von 10 Jahren mit einem Umsatz von € 10 Mrd. der dominierende Online-Einzelhändler in Holland sein wird. Er geht davon aus, dass Amazon das Online-Shopping in den Niederlanden einen enormen Impuls verleihen wird, zunächst auf Kosten der physischen Einzelhändler, schließlich aber auch zu Lasten der heutigen Online-Einzelhändler. Bezogen auf Preise, Produktpalette und Reichweite hat Amazon eindeutig das beste Angebot. Laut Rabobank müssen sowohl Offline- als auch Online-Händler eine Strategie finden, um damit umzugehen. Vor allem für den stationären Einzelhandel könnte eine erstklassige Service und eine großartige Einkaufserfahrung der Weg zum Erfolg sein.

Bol.com, ein Teil des niederländischen FMCG-Giganten Ahold Delhaize, behauptet, man habe keinerlei Angst vor der bevorstehenden Amazon-Invasion. Man vertraut auf die starke Position, die im Laufe der Jahre aufgebaut wurde. Die Marktplatzstrategie wird verstärkt kontinuiert, neue Produktkategorien, wie Mode, werden eingeführt. Zalando (# 4 auf dem niederländischen Markt, mit einem geschätzten Umsatz von € 550 Mio. im Jahr 2018) behauptet in etwa das Gleiche und positioniert sich in der Mode im Vergleich zu Amazon anders. Weiterhin arbeitet man daran, das Einkaufserlebnis für die Online Käufer zu verbessern. Wehkamp (# 5 mit € 530 Mio. Umsatz im Jahr 2018) kämpft jedoch bereits heute mit rückläufigen Umsätzen und Verlusten. Hier scheint man momentan nicht gut aufgestellt zu sein, um einen neuen und mächtigen Konkurrenten wie Amazon zu bekämpfen.

Simon Kucher Consultants sieht die Situation anders. Ihrer Meinung nach steht Amazon in Holland vor einer ernsthaften Herausforderung. Auf Basis Untersuchungen unter niederländischen Verbrauchern gelangten sie zu dem Schluss, dass Online-Käufer nur dann zu Amazon wechseln werden, wenn die Preise im Vergleich zu Bol.com, Coolblue und anderen etablierten Online-Händlern in Holland mindestens 10% niedriger sind. Ein niederländischer E-Commerce-Professor gab an, dass die Niederlande einen gut entwickelten E-Commerce-Markt haben, der gar nicht so einfach zu erobern sei. Der Autor des Buches "Amazon für Dummies" sagt jedoch: "Ich kann mir nichts vorstellen, was Amazon davon abhält, auch in den Niederlanden eine schmerzhafte Größe zu erreichen."

 Dieser Artikel basiert auf Veröffentlichungen auf Emerce.nl und ‘het Financieele Dagblad’. Für weitere Informationen zu diesem Thema oder zum E-Commerce in Holland wenden Sie sich bitte an Ed Hensen unter hensen@ecommerceinholland.com oder +31 6 22 55 55 46.


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